Kuchen

Die ganze Mittagsruhe über verbrachte ich lesend im Aufenthaltsraum.
Axel schnarchte so laut, dass ich sein Grunzen selbst durch die Wand noch deutlich hören konnte.
Hin und wieder hastete ein Pfleger oder eine Schwester vorbei, beinahe minütlich ging die große Glastür.
Dazwischen hörte man fast gar nichts. Ab und an hustete jemand im Raucherraum, manchmal lachte jemand im Schwesternzimmer.
Obwohl mein Englisch maximal Abiniveau hatte, kam ich gut mit dem Moodswing-Buch voran.
Vielleicht hatte Miss Thüringen doch ein wenig Recht, dachte ich. Vielleicht hatte man hier ja wirklich ein bisschen Ruhe.

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Bravo

„Schlecht drauf?“, fragte Miss Thüringen.
„Ist das ein Fachbegriff?“, fragte ich zurück.
Sie grinste.
Wir schwiegen.
„Ich finde das übrigens gut“, sagte sie nach einer Weile.
„Was denn?“
„Dass Sie das interessiert.“
„Was interessiert mich denn?“
„Na, bei der Visite zum Beispiel.“
„Ach so“, sagte ich.

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Gong

Während die Visite durch alle Räume der Station zog, saß ich im Aufenthaltsraum.
Ich hatte mir im Schwesternzimmer ein kleines Heft und einen Kugelschreiber geben lassen.
Eine ganze Weile versuchte ich, mich zu konzentrieren. Ich wollte unbedingt alles aufschreiben, was hier passierte, aber immer nach ein paar Sekunden drifteten meine Gedanken ab. Es war so mühselig. Und noch schwerer war es, sich an etwas zu erinnern. Die Tage waren zu einem einzigen Brei verkommen. Alles in meinem Kopf schien zu sagen: Es ist okay, ruh dich aus, du musst nichts machen.
Aber ich wollte ja. Das war das Problem.

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Visite

Die Glastür schwang auf und ein großer Tross, bestehend aus dem Oberarzt, zwei Assistenten und einer Traube AiPler trabte hindurch.

Axel saß längst auf seinem Bett bereit, so als könne er es kaum noch abwarten.
Dominik machte nicht den Anschein, als würde er irgendetwas um sich herum wahrnehmen.
Gerade, als ich mich in mein Bett gehievt hatte, sprang die Tür auf.

„Guten morgen!“, brüllte der Oberarzt.

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München

Axel konnte so laut schnarchen, dass selbst die rote Schlafkugel nicht dagegen ankam.
Stundenlang lag ich wach, während er mit offenem Mund Richtung Decke sägte und seine nässenden Schürfwunden das Kopfkissen besudelten.

Ich war es gewohnt, kaum zu schlafen.
Ich mochte es nicht direkt, weswegen ich das Mittel, das mir Clara jeden Abend gab, auch gerne annahm.
Andererseits gehörte es auch irgendwie zu mir.
Und müde war ich sowieso immer.

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Axel

Die Tabletten steckte ich vorsichtshalber in das Innenfach meiner Waschtasche.
Ich hatte keine Ahnung, was nun passieren würde.
Vielleicht, dachte ich, würde wenigstens diese elende Müdigkeit verschwinden, die tagsüber einen halbdurchsichtigen Schleier über mich warf und mich nachts kein Auge zu bekommen ließ, wenn ich mir nicht von Clara eine der roten Schlafkugeln geben ließ.

Ich hatte das oberste Fach im Regal neben dem Waschbecken. Dominik, der als Erster im Zimmer gewesen war, hatte das zweiunterste Fach. Dazwischen lagen, fein säuberlich eingeschweißt, eine billige Zahnbürste, ein winzige Tube Zahnpasta und ein Kamm.
Ich versuchte, mich daran zu erinnern, ob all das schon immer da gewesen war, aber es fiel partout nicht ein. Seit ich die Tabletten bekam, hatte ich schon Schwierigkeiten, mich daran zu erinnern, was es am Vortag zum Mittagessen gegeben hatte.

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