06:30 Uhr

Von da an nannte er mich Niklas.

Anfangs erfuhr ich nicht viel über ihn, das über sein seltsames Aussehen hinaus ging. Das heißt die ausgeleierte Jogginghose ohne Bund, die Verweigerung jedweder Unterwäsche, die dazu führte, das jeder zwangsläufig seinen von den Tabletten ganz schrumplig gewordenen Schwanz zu sehen bekam, und dazu so schwarze Augenringe, wie ich sie mir niemals hätte vorstellen können.

Ich ging ihm nicht hinterher an diesem quasi ersten Tag, sondern wanderte ein wenig in Richtung Raucherraum und kleinem Schwesternzimmer. Schon auf halbem Weg war ich wieder müde. Ein Gefühl, das ich so gut kannte wie die Leere oder die Gleichgültigkeit gegenüber allem. Nur dass es sich jetzt fast noch ein wenig echter anfühlte. Echter, weil mit einem Mal alle Ansprüche von außen weggefallen waren. Niemand mehr mit Vorwürfen, niemand mehr mit Terminen, niemand mehr mit Aufgaben, sondern nur noch Aufstehen 06.30 Uhr. Und daneben: Manege frei zum In-sich-selbst-versinken. Die Schwestern wussten anscheinend schon, warum sie allen die Gürtel abnahmen.
Überhaupt schien der ganze Ort von einer so drückenden Müdigkeit überlagert, dass ich mich später oft wunderte, wie das Personal seinen Dienst durchhalten konnte. Jeder hier badete in sich selbst und schien es bisweilen zu genießen, nicht mehr dazu gehören zu müssen und erst wieder mitzumachen, wenn er es für richtig hielt.

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Niklas

Ich hatte keine Ahnung, wie ich aufgewacht war.
Ob nun die rote Schwester beim Türöffnen etwas wie „Guten Morgen! Visite!“ gerufen hatte oder ob es ganz automatisch gegangen war, als die Fünf lang genug vor meinem Bett gewartet und mich angestarrt hatten.
Ich trug die Klamotten, mit denen ich herkommen war, nur die Hose fehlte, sie lag gefaltet auf einem Stuhl auf der Querseite des Zimmer. Der Gürtel war weg, weil abgegeben, die Schuhe standen ordentlich darunter. Mein Magen fühlte sich fürchterlich leer an, auch wenn es kein passendes Hungergefühl dazu hab. Meine Augen waren dick und schwer, mein Mund trocken. Die Neonröhren an der Decke  leuchteten den Raum bis in die kleinste Ecke aus und nahmen ihm dabei jegliche Wärme.

65 Stunden. So lange hatte ich geschlafen, das wusste ich sofort, als ich sie dort am Bettende stehen sah. Auch wenn mein Körper sich tonnenschwer und eingerostet anfühlte, weil er mal eben versucht hatte, ein monatelanges Schlafdefizit aufzuholen, hatte mein Kopf schon längst die nötige Kombinationsarbeit übernommen und ratterte wie immer auf Hochtouren.
Sofort erinnerte mich an den Freitag, an meine Ärztin und meine Mutter, an die hektisch zusammengesuchten Klamotten und meinen schluchzenden Vater, den Parkplatz, die Aufnahme und das Mittagessen, die rote Schwester und die Tapete, die die Wand herunter gelaufen war.
Dann schwarz. Vermutlich wegen der Tablette.

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