Niklas

Ich hatte keine Ahnung, wie ich aufgewacht war.
Ob nun die rote Schwester beim Türöffnen etwas wie „Guten Morgen! Visite!“ gerufen hatte oder ob es ganz automatisch gegangen war, als die Fünf lang genug vor meinem Bett gewartet und mich angestarrt hatten.
Ich trug die Klamotten, mit denen ich herkommen war, nur die Hose fehlte, sie lag gefaltet auf einem Stuhl auf der Querseite des Zimmer. Der Gürtel war weg, weil abgegeben, die Schuhe standen ordentlich darunter. Mein Magen fühlte sich fürchterlich leer an, auch wenn es kein passendes Hungergefühl dazu hab. Meine Augen waren dick und schwer, mein Mund trocken. Die Neonröhren an der Decke  leuchteten den Raum bis in die kleinste Ecke aus und nahmen ihm dabei jegliche Wärme.

65 Stunden. So lange hatte ich geschlafen, das wusste ich sofort, als ich sie dort am Bettende stehen sah. Auch wenn mein Körper sich tonnenschwer und eingerostet anfühlte, weil er mal eben versucht hatte, ein monatelanges Schlafdefizit aufzuholen, hatte mein Kopf schon längst die nötige Kombinationsarbeit übernommen und ratterte wie immer auf Hochtouren.
Sofort erinnerte mich an den Freitag, an meine Ärztin und meine Mutter, an die hektisch zusammengesuchten Klamotten und meinen schluchzenden Vater, den Parkplatz, die Aufnahme und das Mittagessen, die rote Schwester und die Tapete, die die Wand herunter gelaufen war.
Dann schwarz. Vermutlich wegen der Tablette.

Klar, es hätten auch nur ein paar Stunden sein können, aber dann wäre es immerhin schon Nachmittag gewesen und damit auch irgendwie Feierabend, denn Freitags gehen sie überall eher nach Hause, da machte auch solch eine Institution sicher keine Ausnahme. Außerdem wäre es längst wieder dunkel gewesen und jetzt sah es vielmehr nach Hellwerden aus. Keine Ahnung, woran man den Unterschied zwischen zwischen Dunkel- und Hellwerden erkennt, dachte ich, aber man tut es ganz automatisch.

Und dann waren da diese fünf Personen mit den Zetteln vor meinem Bett, die ohne Zweifel nach Visite und damit nach Wochentag aussahen. Ein älterer Mann im weißen Kittel, umringt von zwei ganz Jungen, ebenfalls in weißen Kitteln und mein Kopf kombinierte: Oberarzt und AiPler. Daneben die rote Schwester und eine blonde Frau ohne Kittel, wahrscheinlich eine Psychologin.

Ich war noch nie in einem Krankenhaus gewesen, zumindest nicht über Nacht. Meine Matratze war mit einer dicken Schicht Gummi überzogen, die bei jeder Bewegung quietschte, als räkelte man sich in einer Hüpfburg und ich wollte mir nicht vorstellen, in wie vielen Betten sich die Gummierung jede Nacht bezahlt machte. Und überall roch es nach Desinfektionsmittel.
Mein Bett stand direkt an einem der vergitterten Fenster, daneben ein leeres, daneben das von Dominik, der schon wieder aufrecht an seinem Kopfteil lehnte und in Richtung Decke grinste. An der Querseite ein weiteres, diesmal wirklich leeres Bett.
Auf meinem Nachttisch lagen einige der Bücher, die ich hatte einpacken wollen, aber dann doch nicht mitgenommen hatte. Coelho, Hesse und das ganze Zeug, das man liest, wenn man sich in der Oberstufe für etwas ganz Besonderes hält. Keine Ahnung, wie sie hierher gekommen waren. Vielleicht hatte ich sie ja doch eingesteckt. So sicher konnte man sich da nicht sein, denn wenn man erst einmal eine ganze Woche lang nicht geschlafen hatte, fiel es manchmal schwer, echt und unecht zu unterscheiden. Das meiste fand irgendwo dazwischen statt.

Die Fünf durchblätterten meine Akte, während sie sich halblaut miteinander unterhielten. Ich wusste weder, was man von mir erwartete, noch verstand ich ein einziges Wort. Niemand sah mich an, alle konzentrierten sich ausschließlich auf die Akte. Sie war auf kein Metallbrett gespannt und hing auch nicht am Fußende des Betts, so wie man es aus den Arztserien kennt. Meine Akte bestand aus nichts Anderem als zwei losen Blättern in einem Hängeregister, die der Oberarzt mit unzufriedenem Blick überflog, während die AiPler auf ihn einredeten, bis er zu nicken begann.
„Ja ja“, so machen wir’s“, sagte der Oberarzt und alle nickten ihm zu. Nur die rote Schwester sah mich endlich milde an.
Ich überlegte, ob ich etwas sagen sollte und sog ein wenig Luft ein, als sich die Fünf umdrehten und einfach davon gingen, der Oberarzt vorneweg, dahinter die AiPler, dann die Psychologin.
Nur die rote Schwester hielt kurz am Fußende von Dominiks Bett inne: „Komm, Dominik!“, sagte sie und wie beim letzten Mal sah es aus, als ob Dominik aus einem Traum, den er mit offenen Augen geträumt hatte, zurück in die Realität kam. Grinsend hüpfte er aus dem Bett und ließ sich von der Schwester führen.
Ich wollte gerade aufstehen und mitgehen, als sich die rote Schwester zu mir umdrehte: „Nein nein“, sagte sie, „Sie schlafen erst einmal nur. Heute Abend sehen wir weiter.“
Dann schloss sie die Zimmertür hinter sich. Erst jetzt fiel mir auf, dass sie in scheußlichen Orange gestrichen war.

Vor der Tür war jetzt Bewegung zu hören. Ledersandalen, die über den Gang klapperten, dazu Hausschuhe und Schlüsselbunde. Hin und wieder klappte sogar die große Glastür.
Erst einmal nur schlafen, das war meine Anweisung. Eine tolle Anweisung für jemanden, der gerade 65 Stunden geschlafen hat, dachte ich. Und das auch nur wegen dieser Tablette.
Wie konnte man von jemandem erwarten,einfach  seelenruhig weiter zu schlafen, wenn man sich gerade zusammen kombiniert hat, dass man schon seit 65 Stunden hier gelegen hat? In einem Raum mit mindestens einem Anderen, der die ganze Zeit grinsend an die Decke starrt. Und ohne jede Information, was jetzt noch kommen würde oder längst gekommen war.
Da war es wieder, dieses Rattern im Kopf und ich hievte mich aus dem Bett.

Als ich die Tür öffnete, herrschte auf dem Gang vollkommene Ruhe. Irgendwo weit entfernt klickte ein schweres Schloss  und durch die Glastür sah ich ein paar Schwestern lautlos hin und her laufen. Manchmal sah mich eine von ihnen kurz an und lächelte. Schlüssel hatten allenfalls die grünen Pfleger.
Der Heimtrainer in der Mitte des Gangs schien auch am vergangenen Wochenende nicht bewegt worden zu sein, wenn man nach der dicken Staubschicht auf dem Sattel ging. Ganz hinten am anderen Ende des Gangs, wo ich im Schwesternzimmer meinen Gürtel und das andere Zeug hatte abgegeben müssen, hing eine große Uhr, die Punkt 07.00 Uhr zeigte.
Ich hatte keine Ahnung, wo all die anderen Patienten waren, geschweige denn, was ich jetzt tun sollte. An Schlaf war jedenfalls nicht zu denken.
Ich erinnerte mich an den Raucherraum in der Mitte des Ganges und überlegte, was wohl mit meinen Zigaretten geschehen war, als plötzlich auf halbem Weg eine Tür aufsprang und ein Mann aus dem zugehörigen Zimmer gestapft kam. Seine Haare waren unordentlich und standen weit von seinem Kopf ab. Er trug einen grau melierten Pullover und eine dunkle Jogginghose, deren Gummizug nicht mehr hielt, sodass sie ihm alle paar Meter in die Kniekehlen rutschte und sein in sich zusammengesunkener Penis zum Vorschein kam.
„Scheiße! Scheiße!“, rief er immerzu, während auf mich zu kam und ich mich vorsichtshalber in die Einbuchtung meiner Zimmertür drückte.
Unentwegt murmelte der Mann vor sich hin. Als er näher kam, erkannte ich seine tiefdunklen Augenringe und den alten Zigarettenstummel, der in seinem Mund auf und ab hüpfte. Eilig watschelte er in Richtung Aufenthaltsraum, so als hätte er einen wichtigen Termin, wobei er sich immer wieder seine ausgeleierte Jogginghose nach oben zog.

„Aus’m Weg, Niklas!“, rief der Mann, während er sich am Rücken kratzend an mir vorbei schlurfte und schnurgerade auf den Aufenthaltsraum bei der Glastür zuhielt.
Einen Moment blieb ich still, doch dann rief ich ihm hinterher: „Aber ich heiße—“
„Jaja“, rief der Mann im Weitergehen, „Niklas, bist du! Ich weiß doch! Niklas!“

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