06:30 Uhr

Von da an nannte er mich Niklas.

Anfangs erfuhr ich nicht viel über ihn, das über sein seltsames Aussehen hinaus ging. Das heißt die ausgeleierte Jogginghose ohne Bund, die Verweigerung jedweder Unterwäsche, die dazu führte, das jeder zwangsläufig seinen von den Tabletten ganz schrumplig gewordenen Schwanz zu sehen bekam, und dazu so schwarze Augenringe, wie ich sie mir niemals hätte vorstellen können.

Ich ging ihm nicht hinterher an diesem quasi ersten Tag, sondern wanderte ein wenig in Richtung Raucherraum und kleinem Schwesternzimmer. Schon auf halbem Weg war ich wieder müde. Ein Gefühl, das ich so gut kannte wie die Leere oder die Gleichgültigkeit gegenüber allem. Nur dass es sich jetzt fast noch ein wenig echter anfühlte. Echter, weil mit einem Mal alle Ansprüche von außen weggefallen waren. Niemand mehr mit Vorwürfen, niemand mehr mit Terminen, niemand mehr mit Aufgaben, sondern nur noch Aufstehen 06.30 Uhr. Und daneben: Manege frei zum In-sich-selbst-versinken. Die Schwestern wussten anscheinend schon, warum sie allen die Gürtel abnahmen.
Überhaupt schien der ganze Ort von einer so drückenden Müdigkeit überlagert, dass ich mich später oft wunderte, wie das Personal seinen Dienst durchhalten konnte. Jeder hier badete in sich selbst und schien es bisweilen zu genießen, nicht mehr dazu gehören zu müssen und erst wieder mitzumachen, wenn er es für richtig hielt.

Der lange Gang war still, auch wenn jeder meine Schritte auf dem Steinboden hallte. Meine Knie schmerzten noch immer vom Aufprall und sicher waren sie irgendwie blau oder grün.
Alle waren jetzt beschäftigt, nur mir hatte man als einzige Aufgabe das Ausschlafen gegeben. Ein Witz, wenn man erst wochenlang gar nicht und dann dank was auch immer für einer Tablette ganze drei Tage geschlafen hatte.
Je weiter ich kam, desto mehr spürte ich, wie mich jeder Schritt einen erheblichen Teil meiner Kraft kostete. Mit jedem Meter lastete ein schweres Gewicht auf meinen Schultern, wurden meine Beine schwergängiger. Und gleichzeitig bemerkte ich, wie ich darin aufging, dass es mir jetzt endgültig egal sein konnte, auch wenn ich schon die Gewissheit kommen sah, dass ich es auf keinen Fall bis zum Schwesternzimmer schaffen würde und es für die Rückkehr in mein Zimmer auch schon zu spät war.

Wenn es irgendwo egal ist, dann hier, dachte ich, als ich mich einfach mitten auf dem Gang auf den Boden setzte und nicht darüber nachdachte, was jetzt kommen würde. Alles, was ich tat, war den Fakt zu genießen, dass es bis hierhin gegangen war und jetzt eben nicht mehr ging. Zigaretten hatte ich eh nicht dabei, außerdem war es noch viel zu früh zum Rauchen.

„Sie können hier nicht sitzen!“, rief eine Stimme, die mich aus meinem Dämmern riss.
Ich öffnete die Augen und blickte auf ein Paar dieser weißen Leder-Clogs, in denen kleine Füße mit dünnen, weißen Socken steckten. Darüber eine etwas zu kurze, weiße Hose, weißes Hemd, weißes Häubchen.
Sie war sehr jung, maximal zwanzig, eher achtzehn, garantiert noch Azubine und kaum älter als ich.
So ist das eben, dachte ich. Die einen sind Krankenschwester, die anderen sitzen in der Schule und ein paar sitzen hier auf dem Boden, weil sie keine Lust mehr hatten.
„Ah!“, sagte das Mädchen, „Sie müssen Herr…“
„Niklas“, antwortete ich.
„Herr Niklas“, wiederholte sie, „Ich dachte, die Oberschwester hätte Feyl gesagt.“
„Niklas“, sagte ich noch einmal und nickte.
Sie war hübsch. Dunkle Haare, ein Zopf, ehrliches Gesicht, nicht zu schmal. Eine, die ausschließlich auf der Personalseite an so einem Ort wie diesem landete.

Etwas zu hektisch strich ich meine Haare zurecht und stand auf, sodass mir schummrig wurde.
Das Mädchen griff nach meinem Arm. Ein geübter Griff, sie lächelte.
„Sie sind der jüngste hier“, sagte sie, „Eigentlich ist das die Männerabteilung.“
„Ich werde in zwei Monaten achtzehn“, antwortete ich, „Vielleicht dachten sie, sie müssten mich dann nicht erst wieder verlegen.“
„Wohnen Sie hier in der Nähe?“
Ich nickte.
„Dann wahrscheinlich deshalb.“
Ich wollte sie fragen, wie alt sie war, aber sicher war es ihr nicht einmal erlaubt, auf so etwas zu antworten.
Warum steckten sie ausgerechnet so ein junges Mädchen hierher? In die Männerabteilung, wo Unterwäsche-Verweigerer herumliefen und keine Ahnung, was sonst noch alles. Und wo ich mir vor Augen führen lassen musste, dass man mit knapp 18 Jahren auch etwas Anderes machen konnte, als müde zu sein.
„Haben Sie denn keine Aktivität?“, fragte das Mädchen.
„Du kannst ruhig du zu mir sagen“, sagte ich und streckte die Hand aus, „Niklas.“
„Clara“, sagte sie und schüttelte meine Hand.
Es fühlte sich dämlich an und ich hielt ihre Hand viel zu lang, weshalb sie eilig wegzog, als es mir auffiel.
„Hast du denn keine Aktivität?“, fragte sie noch einmal.
„Was heißt das?“, fragte ich.
„Gesprächskreis, Therapie, Sport, so etwas.“
„Ich soll ausschlafen“, sagte ich.
„Und warum schläfst du nicht?“
„Sie wecken einen um 06:30 Uhr.“
Sie grinste.

In ihrer Tasche begann es zu fiepen. Sie zog einen Pieper heraus und blickte mit zusammengekniffenen Augen auf das winzige Display.
„Ich muss los“, sagte sie.
Im gleichen Moment ratschte der Schlüssel an der Glastür und zwei Pfleger stürmten direkt in den Aufenthaltsraum, aus dem plötzlich ein elendes Röcheln kam.

„Verpisst euch, ihr Schweine!“, hörte ich eine Stimme schreien.
Dazu Gerangel und immer wieder „Muss das denn sein?“ oder „Was soll’n wir Ihnen denn noch wegnehmen.“

„Machen Sie mal ’ne Spritze“, rief einer der beiden bulligen Pfleger, als sie den Mann mit dem dichten Bart und den schwarz umrandeten Augen vorbeizerrten, der die ganze Zeit über „Keine Spritze, verdammte Scheiße!“ schrie.
„Da muss ich aber erst die Oberschwester“, sagte Clara, die direkt hinter ihnen her lief.
„Ja, dann hol halt die Oberschwester, Mädchen!“, brüllte der Pfleger.
„Hallo mein Niklas!“, sagte der Bärtige plötzlich sehr freundlich, als er an mir vorbeigetragen wurde.

Als ich zurück in mein Zimmer kam, waren alle Betten leer. Durch die dicke Tür konnte man nur sehr leise das Gebrüll hören.
Mein Wochenplan, der bisher nur aus Aufstehen 06:30 Uhr bestanden hatte, war um drei Punkte erweitert worden: Mittagessen 12:00 Uhr, Vesper 14:30 Uhr und Abendessen 18:00 Uhr.
Scheiße, dachte ich und ließ mich aufs Bett fallen. Es musste jetzt gegen 07.30 Uhr sein.
Ich starrte an die Decke und versuchte etwas von dem zu erkennen, was Dominik so zum Grinsen gebracht hatte. Aber da war nichts. Alles, was ich spürte, war die Gewissheit, dass es jetzt erst einmal so bleiben würde, auch wenn es vorher so schnell gegangen war.

Auf dem Nachttisch, direkt hinter den Büchern, stand die Karte. Ich griff nach ihr und klappte sie auseinander Einfach schwimmen hatten sie geschrieben.  Einfach schwimmen. Ganz einfach.
Dann klappte ich sie wieder zu und riss sie in kleine Stücke.

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