Danach

Ich hatte mir schon immer zu viele Sorgen gemacht.
Ich sorgte mich über alles. Darüber, dass meine Eltern ihre Jobs verlieren könnten. Dass ich sie zu viel kostete. Dass ich es niemals fertig bringen könnte, vierzig Stunden pro Woche zu arbeiten, wo mir schon sechs mal fünfundvierzig Minuten Schule pro Tag zu viel waren. Dass ich nie etwas Besonderes fertig bringen würde. Und dass ich es gleichzeitig nicht hinbekommen würde, ein ganz normales Leben zu führen. Dass es einfach immer anstrengend bleiben würde.
Seit ich denken konnte, war mir die Zukunft nie als Ort der Freiheit erschienen, sondern immer mit noch mehr Aufgaben, noch mehr Schwere und noch mehr Sorgen beladen.

Weiterlesen

Advertisements

Kooperation

Man musste schon ein wirklich starker Raucher sein, um den Gestank des Raucherraums nicht zu bemerken.
Die Wände waren vorsorglich orange gestrichen, das Fenster die ganze Zeit über angeklappt und in der Tapete hing der Geruch von wahrscheinlich tausenden Kippen.

Ich balancierte eine Zigarette zwischen meinen Lippen und wartete auf die rote Schwester, damit sie mit dem Feuerzeug kam. Mein eigenes hatten sie mir schon am Freitag kurz nach Ankunft abgenommen und in einem kleinen Plastiktütchen verstaut, so als wäre es ein Beweismittel für irgendetwas. Wenn man das ständige Surren des Kühlschranks im Schwesternzimmer oder das Klappern der Schlüssel an der Glastür ausblendete, dann war es fast schon ruhig.

Weiterlesen

Gitter

Es war Januar, nicht allzu lang nach dem Jahreswechsel, aber doch lang genug, damit trotz aller Vorsätze längst alles wieder so lief, wie es immer gelaufen war. Ich stand am Fenster neben meinem Bett und starrte nach draußen.
Wenn man eine Weile stur hindurch geschaut hatte, dann verschwanden die Gitter ganz automatisch, weil sie der Kopf ganz nebenbei ausradierte. Die zurück gebliebenen Leerstellen füllte er mit dem, was die Augen drumherum als normal kennengelernt hatten, als das, was man eigentlich sehen wollte. Nur, wenn man ab und zu ein Stück beiseite trat, den Blickwinkel veränderte, einmal weg- und dann wieder hinsah, konnte man erkennen, dass dort noch immer Gitter waren, die ganze Zeit gewesen waren.

Weiterlesen