Gitter

Es war Januar, nicht allzu lang nach dem Jahreswechsel, aber doch lang genug, damit trotz aller Vorsätze längst alles wieder so lief, wie es immer gelaufen war. Ich stand am Fenster neben meinem Bett und starrte nach draußen.
Wenn man eine Weile stur hindurch geschaut hatte, dann verschwanden die Gitter ganz automatisch, weil sie der Kopf ganz nebenbei ausradierte. Die zurück gebliebenen Leerstellen füllte er mit dem, was die Augen drumherum als normal kennengelernt hatten, als das, was man eigentlich sehen wollte. Nur, wenn man ab und zu ein Stück beiseite trat, den Blickwinkel veränderte, einmal weg- und dann wieder hinsah, konnte man erkennen, dass dort noch immer Gitter waren, die ganze Zeit gewesen waren.

Direkt unter meinem Fenster befand sich ein kleiner Flachbau, von dem ich nicht wusste, was er beinhaltete. Davor hatte man einen kleinen Hof angelegt, mit Bäumen und ein paar Bänken für die auf der Offenen. Rundherum begrenzte eine mannshohe Mauer das Gelände. Links davon führte eine Straße entlang, die stadtauswärts in irgendein Gewerbegebiet führte und stadteinwärts zum Krankenhaus. Dem anderen Krankenhaus, dem für jene, denen man ihre Beschwerden oft auf den ersten Blick ansah.
Direkt an der Mauer stand ein kleines Backsteinhaus, dessen Sinn ich nicht erkennen konnte. In den Bäumen davor hingen gebastelte Traumfänger, Wimpel und Girlanden.
An der Mauer rechts standen die Krankenwagen. Es waren nur zwei, denn so viele davon würde man hier auch nicht brauchen, dachte ich. Direkt daneben waren freie Parkplätze, auf denen Polizei und Feuerwehr auf den Asphalt geschrieben stand.
Und direkt mir gegenüber, hinter der Mauer, war der Friedhof. Ein Mann im Overall harkte bedächtig die Erde, um jede Spur der vorherigen Besucher zu verwischen. Und immer, wenn jemand an ihm vorbei zu einem Grab ging, hielt er kurz inne, ließ passieren und harkte anschließend das gleiche Stück noch einmal. Eine ganze Weile sah ich ihm zu und er änderte nichts das kleinste Bisschen an dieser Gewohnheit.

Ich hatte es schon immer bewundert. Dieses Stoische, mit der Menschen einfach das machten, was es zu machen gab.  Das, was sie davon abhielt, sich bei jeder Bewegung zu fragen, warum sie sie taten und was passieren würde, wenn sie jetzt einfach damit aufhörten. Ich bewunderte Menschen, die wussten, was sie wollten und dann alles nach Plan abarbeiteten, bis ihnen jemand erlaubte, sich auszuruhen, bis jemand sagte, es sei genug jetzt. Ich bewunderte es, sich einfach zu entscheiden und Entscheidungen anzunehmen. Und ich wünschte es mir für mich selbst, so wie ich mich davor fürchtete.

Denn immer gab es tief in mir dieses Gefühl, all dem einfach nicht genügen zu können. Einfach nicht dafür gemacht zu sein. Für das Aushalten und Stoisch-Sein, wie für das Entscheidungen-Empfangen. Stattdessen war dort ein unbedingtes Bedürfnis nach Ruhe, nach Haltmachen und Rasten, das sich mit Nichts vereinbaren ließ, ja sogar gefährlich war. Zwar erlaubte einem die Welt ein Mininum an Pause, doch wenn man es übertrieb und zu sehr in sich selbst versank, dann erkannte man, wie egal all diese Anstrengung im Grunde war. Wenn man zu sehr den Blickwinkel änderte, dann sah man die Gitter.

„Ich hoffe, du hast dich gerade nicht erschreckt, Niklas“, hörte ich hinter mir eine Stimme.
Ich hatte nicht einmal mitbekommen, wie die Tür geöffnet worden war. Clara stand im Rahmen.
Ich schüttelte den Kopf.
„So etwas passiert hier nicht jeden Tag“, setzte sie nach.
Ich nickte. Es war okay. Ich hatte mich nicht erschreckt. Es war einfach anders normal hier drinnen.
„Du musst keine Angst haben“, sagte Clara, „Es sind alle ganz nett hier.“
„Ich hab keine Angst“, sagte ich, „Ich kann es nur nicht einordnen.“
Sie hielt einen Moment inne und ich konnte spüren, wie sie im Kopf meinen Einlieferungszettel durchging und dabei versuchte, möglichst nichts Falsches zu sagen.
„Fühlst du dich … leer?“

Ich musste an meine Eltern denken. Wie hatten sie all das wohl aufgenommen? Wenn man den Schwestern glauben konnte, dann mit reichlich Tränen. Vermutlich konnten sie all das noch viel weniger einordnen und ich hoffte, dass sie wenigstens einfach weitermachten. Sie waren noch viel weniger für all das hier gemacht.
„Ich weiß nicht, ob es leer ist“, sagte ich nach einer Weile, „Es könnte genau so gut auch randvoll sein.“
„Clara!“, hallte es über den Gang und Fußschritte näherten sich, „Clara, du solltest nur kurz Bescheid sagen— Herr Feyl!“
Die rote Schwester erschien in der Tür. Sie klang nicht böse, nur etwas weniger kompromissbereit.
„Ja?“
„Sie waren heute morgen nicht beim Frühstück. Wenn Sie wollen, können Sie sich noch etwas nehmen, bevor wir abräumen.“
„Ich glaube, ich möchte nur eine rauchen“, antwortete ich.
Die Schwester blickte auf Clara: „Na bis dorthin schaffen Sie es ja auch alleine, nicht wahr Clara?“
Clara senkte den Kopf und ging.
„Gehen Sie schon mal vor“, sagte die rote Schwester, „Ich komm dann gleich mit dem Feuer.“

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