Danach

Ich hatte mir schon immer zu viele Sorgen gemacht.
Ich sorgte mich über alles. Darüber, dass meine Eltern ihre Jobs verlieren könnten. Dass ich sie zu viel kostete. Dass ich es niemals fertig bringen könnte, vierzig Stunden pro Woche zu arbeiten, wo mir schon sechs mal fünfundvierzig Minuten Schule pro Tag zu viel waren. Dass ich nie etwas Besonderes fertig bringen würde. Und dass ich es gleichzeitig nicht hinbekommen würde, ein ganz normales Leben zu führen. Dass es einfach immer anstrengend bleiben würde.
Seit ich denken konnte, war mir die Zukunft nie als Ort der Freiheit erschienen, sondern immer mit noch mehr Aufgaben, noch mehr Schwere und noch mehr Sorgen beladen.

Vor mir lagen noch anderthalb Schuljahre. In gut einem Jahr würden die Vorklausuren beginnen und direkt danach die Abiturprüfungen. Schon jetzt hatten sich die Ersten Gedanken darüber gemacht, was danach kommen sollte. Schon jetzt hatten sich Einige immer mal wieder für ein paar Stunden freistellen lassen, weil sie zu einem Vorstellungsgespräch mussten.
Ich hatte nur dabei zugesehen, ein bisschen bewundernd und ein bisschen enttäuscht.

Ich hatte keine Idee, was danach kommen sollte. Mir gelang nicht einmal der Gedanke daran, woraus dieses Danach überhaupt bestehen sollte. Ich war kein schlechter Schüler. Schon allein deshalb nicht, weil ich meinen Eltern nicht auch noch damit belasten wollte, wenn ich über ihren Köpfen schon so viele Damoklesschwerter schwingen sah. Im Gegenteil, ich war fast überall gut. Ich konnte Gedichte interpretieren genau so wie Differentialrechnung. Ich suchte nicht nach Türen, die mir offen standen, sondern stand unentschlossen vor zu vielen offenen Türen.
Mich übermannte bereits das Wort an sich. Danach. Es ging immer einfach weiter. Ganz egal, wie viel Kraft das Davor bereits gekostet hatte, nie gab es eine Pause, nie gab es ein Ende. Nach jedem Danach kam immer ein neues. Und man rannte und hetzte bis es dann irgendwann einfach vorbei war.

Ich drückte die Zigarette aus und nickte Herrn Schmidt zu, der ebenfalls schwieg. Seine Augen waren dunkel und seine Augenbrauen zusammengezogen.

„Bist noch ganz schön jung, Niklas“, sagte Herr Schmidt, als aufstand.
„Ich werd bald 18“, sagte ich.
„Der Jüngste hier.“
Ich nickte.
Herr Schmidt rieb sich mit der flachen Hand im Gesicht herum, strich sich über seine wilden Haare, die sofort wieder in alle Himmelsrichtungen abstanden und seufzte.
„Echt schade, Niklas.“
„Was?“
„Dass sie dich jetzt schon kaputt machen.“
„Wie, kaputt machen?“, fragte ich.
„Du musst immer dagegen halten. Das ist wie mit den Rechten“, sagte Herr Schmidt leise, „Aber jetzt bist du erstmal dabei. Und das wirst du so schnell wieder los.“
„Ich geh ja noch zur Schule“, sagte ich.
„Das ist gut“, sagte Herr Schmidt, „Lass dir Zeit damit. Wird scheiße danach.“
Ich nickte.

Als ich zurück in mein Zimmer kam, waren die Betten frisch bezogen. Auf dem kleinen Tisch beim zweiten Fenster rechts standen sogar ein paar Blumen.
Normalerweise hätte ich mir vermutlich Sorgen gemacht. Darüber, was der wilde Herr Schmidt damit gemeint hatte, als er sagte, es wird scheiße danach. Und darüber, was ich hier überhaupt sollte, wie lang ich hier bleiben und was man mit mir machen würde. Doch da war nichts. Keine Ahnung, was sie jetzt in der Schule machten. Keine Ahnung, ob jemand Mitschriften bei meinen Eltern vorbei brachte. Keine Ahnung.

Auf dem Bett links von der Tür, saß Dominik und grinste schon wieder in Richtung Decke.
„Hi“, sagte ich, aber Dominik reagierte noch immer nicht.

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