Axel

Die Tabletten steckte ich vorsichtshalber in das Innenfach meiner Waschtasche.
Ich hatte keine Ahnung, was nun passieren würde.
Vielleicht, dachte ich, würde wenigstens diese elende Müdigkeit verschwinden, die tagsüber einen halbdurchsichtigen Schleier über mich warf und mich nachts kein Auge zu bekommen ließ, wenn ich mir nicht von Clara eine der roten Schlafkugeln geben ließ.

Ich hatte das oberste Fach im Regal neben dem Waschbecken. Dominik, der als Erster im Zimmer gewesen war, hatte das zweiunterste Fach. Dazwischen lagen, fein säuberlich eingeschweißt, eine billige Zahnbürste, ein winzige Tube Zahnpasta und ein Kamm.
Ich versuchte, mich daran zu erinnern, ob all das schon immer da gewesen war, aber es fiel partout nicht ein. Seit ich die Tabletten bekam, hatte ich schon Schwierigkeiten, mich daran zu erinnern, was es am Vortag zum Mittagessen gegeben hatte.

Als ich ins Zimmer kam, erschrak ich kurz.
Das mittlere Bett war tatsächlich belegt. Links direkt hinter der Wand zum Bad lag Domini. Ganz hinten am Fenster lag ich. Und in der Mitte saß jetzt ein großer Mann mit einem grün karierten Bademantel, der aus dem Fenster starrte.
Ich hielt die Luft an und wollte gerade kehrt machen, als die Badtür ins Schloss fiel.

„Mensch! Da ist ja noch einer!“, lachte der Mann, während er sich umdrehte.
„Die Schwestern haben gesagt, hier hätten erstmal alle Therapie oder so etwas und ich wäre erstmal alleine. Jetzt komm ich hierher und es ist doch volles Haus!“
Er zeigte auf mein Bett.
„Deins?“
Ich nickte.
Er streckte mir seine Hand entgegen, ich gab ihm meine. Er hatte einen festen Griff.
„Ich bin übrigens der Axel“, näselte er.
„Niklas“, sagte ich, vielleicht etwas zu leise.
„Ich weiß, ich weiß“, sagte Axel, „Ich seh fürchterlich aus.“
Er hielt seine Hände wie einen Fächer rund um sein Gesicht, „Kannst mich ruhig mal in Ruhe begutachten.“

Axel sah wirklich fürchterlich aus.
Seine ganze linke Gesichtshälfte war aufgeschürft, die linke Augenbraue aufgeplatzt. Die geschwollene Nase hatte man mit mehren Pflastern fixiert und seine Schneidezähne waren schief abgebrochen.
Er sah aus, als ob er in die schlimmste Schlägerei seines Lebens gekommen war. Und dann kurz danach gleich in die zweitschlimmste.

„Fahrradunfall, weißte?“, rief er, „Ich bin gestern schön mit’n paar Kumpels nachmittags da an der Bache lang, kennste? Da an der Umgehungsstraße runter und dann über die Wiesen, bis der Wald anfängt.“
Ich nickte.
„Da ist so’ne Waldschenke. Naja, paar Bierchen getrunken, auf Fahrrad gesetzt und als nächstes wach ich im Krankenhaus auf.“
Axel begann zu lachen, musste sich aber gleichzeitig das Gesicht halten, weil es weh tat.
„Der Arzt meinte, ich wäre Platz 2 gewesen dieses Wochenende! Nur einer mit ’ner Stichsäge im Unterkiefer hätte mich noch getoppt!“
Er ruderte mit den Armen, während er erklärte, wie er sich vorstellte, dass man sich eine Stichsäge in den Unterkiefer rammen konnte.
„Naja, und dann meinte sie heute: Körperlich wäre das alles halbwegs gekittet, aber ob geistig alles heil geblieben ist“, er imitierte eine Schraubenzieherbewegung an seiner Schläfe, „Also, verstehste? Das müssen sie erst prüfen.“
Axel ließ seine Hände auf seine dicken Oberschenkel knallen und sah mich grinsend an. Seine Schneidezähne glänzten in ihrer ganzen gelben Schiefheit.
„Ja, und jetzt bin ich hier.“
So schnell kam man also hier her, dachte ich.
„Du kannst aber auch ruhig irgendwann mal aufhören, mich so entgeistert anzustarren!“
„Tschuldigung“, sagte ich.
„Na macht ja nichts“, grinste Axel und schickte ein paar „Au, au“ hinterher.

Ich legte mich auf mein Bett und sah an die Decke. Sofort würde ich müde.
Da stupste mich Axel von der Seite an.
„Und ihr seid so richtig hier, ja?“
„Wie ’so richtig‘?“, fragte ich.
„Naja“, er stutzte, „Also, ich meine.“
„Schon irgendwie“, nickte ich.
„Sind alle so jung hier wie du?“
„Nein, nein“, sagte ich, „Ich bin der Jüngste.“
Axel strich sich symbolisch über die Stirn: „Gut, ich dachte schon.“
Er zeigte auf Dominik, der, wie fast immer, in seinem Bett lag und grinsend nach oben starrte.
„Dein Kollege sieht an der Decke ’n bisschen mehr als nur die Decke, oder?“
Dominik kicherte und murmelte etwas, ohne uns zu beachten.
Ich musste grinsen, „Ja, ich glaub schon.“
„Find ich ja leicht übertrieben, dass die mich hierher gesteckt haben. Ich gehör doch nicht hierher. Also“, er knetete seine Hände, „Also nicht, dass ich meine, dass du—“
„Schon gut“, sagte ich.

Vielleicht gehörte ich ja wirklich hierher. Immerhin war ich nur nicht besoffen vom Fahrrad gefallen.
Und statt eines Filmrisses hatte ich vielmehr oft diese Momente viel zu großer Klarheit, sodass mir alles fast schon wieder unecht vorkam. Unwichtig, klein und deshalb vollkommen egal.
Aber ich mochte es, dass Axel ebenfalls hier war, ohne etwas zu wollen. Die meisten hier wollten gesund werden, ihre Traurigkeit verschwinden lassen, funktionieren und so weiter.
Mich hatten sie einfach nur dabei erwischt, wie ich gerade ein bisschen zu sehr keine Lust mehr gehabt hatte.
Und Axel war gestern wohl einfach zu besoffen gewesen.

„Aber weißte, Niklas“, unterbrach Axel meinen Gedanken, „Ich hab vorhin den Wagen mit dem Mittagessen gesehen. Ich glaub, ich werd’s ein paar Tage aushalten bei euch.“
Dann lehnte er sich in seinem Bett zurück und starrte mit uns an die Decke.

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