München

Axel konnte so laut schnarchen, dass selbst die rote Schlafkugel nicht dagegen ankam.
Stundenlang lag ich wach, während er mit offenem Mund Richtung Decke sägte und seine nässenden Schürfwunden das Kopfkissen besudelten.

Ich war es gewohnt, kaum zu schlafen.
Ich mochte es nicht direkt, weswegen ich das Mittel, das mir Clara jeden Abend gab, auch gerne annahm.
Andererseits gehörte es auch irgendwie zu mir.
Und müde war ich sowieso immer.

„Guten Morgen!“, sagte Clara, als sie die Nadel in meine Armbeuge schob und ich aufschreckte.
„Morgen“, sagte ich.
Sie drückte mit dem Zeigefinger fest auf die Kanüle , sodass ich das Metall in meiner Ader spüren konnte. Dann löst sie einen Pflasterfetzen von einer Rolle und fixierte die Nadel.
Sie steckte ein Schlauch an und ich sah dabei zu, wie mein Blut darin anstieg, bis es in ein kleines Röhrchen hineinsprudelte.
Aus dem Bad heraus konnte ich Axel hören,  der irgendein Lied summte, während er seine Morgentoilette erledigte.
Geduldig wartete Clara, bis das Röhrchen voll war, dann zog sie es ab, blockierte mit dem Daumen den Schlauch und steckte ein neues Röhrchen an.
„Machen Sie mal bitte eine Faust“, sagte Clara, als das Sprudeln beim dritten Röhrchen langsam weniger wurde.
Ich drückte und sofort wurde der Strahl stärker.
„Wie war die Nacht?“
„Unruhig“, nickte ich in Richtung Bad, aus dem noch immer Gesang zu hören war.
Sie grinste, zog das Röhrchen ab und legte es zu den anderen auf ein Tablett.

„Sie sind wir fertig?“, rief die rote Schwester von der Tür aus und blickte ins Zimmer.
Clara zog die Nadel heraus, legte einen Wattebausch hinein und ich winkelte meinen Arm an. Ich kannte das Spiel.
„Mensch, Dominik!“, rief die rote Schwester, „Es gibt doch Frühstück!“
Dominik saß aufrecht in seinem Bett und grinste.
„Ja“, sagte er langsam, so als ob er das Wort nur unter größter Anstrengung in seinem Mund hatte formen können.
„Na dann“, die Schwester klatschte in die Hände, „Husch husch! Frühstück!“
Dominik hüpfte vom Bett und ging zu ihr. Das heißt, viel mehr wandelte er. Wenn Dominik sich bewegte, dann tat er es unfassbar langsam und gleichmäßig, so als würden seine Arme und Beine auf unsichtbaren Schienen entlang geführt, weil der daran befestigte Körper auf gar keinen Fall in zu Große Schwingungen versetzt werden durfte.

„Huch? Frühstück?“, Axel öffnete die Badtür.
Sein Gesicht sah noch immer gruselig aus. Noch dazu, weil er sich offensichtlich dort, wo seine Haut nicht abgeschabt war, rasiert hatte und die vielen kleinen Schnitte mit einzelnen Schnipseln Toilettenpapier abgeklebt hatte. Er sah aus wie eine frisch ausgewickelte Mumie.
„Und Sie auch Herr Feyl“, mahnte die Schwester und zeigte auf mich, „Fertigmachen und dann Frühstück!“

Als die Tür zufiel, atmete ich tief ein.
Ich ging ins Bad und setzte mich auf Toilette. Es roch nach Aftershave und Deo.
Ich stand noch einmal auf und drehte das Schild vor der Tür auf „Besetzt“, denn verriegeln ließ sie sich nicht.
Dann blieb ich ich einfach nur sitzen.
Obwohl man den ganzen Tag lang Zeit hatte, sich mit sich selbst zu beschäftigen, war man doch nie allein. Immer war eine Schwester oder jemand von den Patienten in der Nähe.
Ich schloss die Augen und hörte auf nichts als die Stille. Im Nebenraum war das Frühstück in vollem Gange. Dumpf konnte man das Geklapper des Plastikbestecks hören.
Irgendwo stöhnte jemand. Im Lüftungsschacht fiepte es leise.
Dann hörte ich, wie im Zimmer die Tür geöffnet wurde.
„Herr Feyl? Frühstück!“
„Ich komme.“

Als ich in den Frühstücksraum kam, waren schon alle längst beim Essen.
Axel saß zwischen Wolfgang und Herr Schmidt und redete, mit einem Toast gestikulierend, abwechselnd auf beide ein.
„Setz dich, mein Junge“, rief er mir zu, als er mich bemerkt hatte und zeigte auf einen freien Stuhl ihm gegenüber.
Ich nickte allen zu und setzte mich.
„Ihr müsst echt mal mit den Schwestern sprechen“, sagte Axel, „Es gibt hier nur Stachelbeermarmelade!“
Ich musste grinsen. Herr Schmidt sah mich mit seinen dunkel umrandeten Augen an.
Wolfgang sah ziemlich fertig aus. Am liebsten hätte ich ihm gleich davon erzählt, was ich seit gestern in der Waschtasche deponiert hatte, aber das Frühstück war definitiv der falsche Ort dafür.

„Herr Brinkmann, essen!“, kommandierte die rote Schwester von der Tür aus und sah den alten Mann an, der wie ein Häufchen Elend auf seinem Stuhl hing, während sie allen Leuten am Tisch kleine Zuckerersatzplättchen in den Tee schnippte und dauernd fragte: „Mit süß? Einmal drücken? Zweimal?“
„Acht“, sagte Herr Schmidt, als die Schwester bei ihm angekommen war.
„Drei, okay?“
„Acht!“, rief Herr Schmidt.
„Na gut, sechs“, sagte die Schwester, „Aber nur, weil Herr Wolle nicht darf.“
Sie grinste zu dem dicken Mann, der einen großen Toastbrotturm vor sich stehen hatte und gerade damit beschäftigt war, jede einzelne Scheibe ausgiebig mit Leberwurst zu bestreichen.
Maria saß neben der stillen Frau, die ihr eine Tasse Tee hinschob. Ihre Arme waren schneeweiß verbunden.
„Wir wären dann soweit“, hörte ich Clara rufen.
„Okay!“, sagte die Schwester und tippelte zur Tür.

„Niklas!“, rief Axel, „Was steht denn heute so auf dem Programm?“
„Na Niklas“, sagte Herr Schmidt, so als hätte er gerade erst mitbekommen, dass ich da war.
Wolfgang hielt sich den Kopf.

In diesem Moment ging das Licht aus.
Sofort wurde es unruhig.
Die stille Frau machte „Huh!“, irgendwo fiel Besteck herunter, nur der dicke Mann mampfte.
„SOEINESCHEIßEMACHTDASLICHTWIEDERAN!“, schrie Herr Schmidt.
Dann bog etwas Flackerndes um die Ecke, dahinter die rote Schwester und Clara.
„Zum Geburtstag viel Glück“, sangen sie, „Zum Geburtstag viel Glück!“
„Ach was“, rief Herr Schmidt, „Für mich?“
Im Kerzenschein gingen die rote Schwester und Clara quer durch den Raum. Als sie uns passierten, sah ich, dass Herrn Schmidt die Tränen in den Augen standen.
Sie gingen bis ans Ende des Tischs und sangen immer weiter.
Dann ging das Licht wieder an und sie stoppten vor dem großen Mann, der immer sein Essen ordnete und sein Mischgemüse erst dann aß, wenn er Erbsen und Möhren fein säuberlich von einander getrennt hatte.
„ZUM GEBURTSTAAAAAG, LIEBER ICH-KENNE-DEINEN-NAMEN-NICHT“, brüllte Axel mit einer unglaublich vollen und tiefen Stimme, sodass ihn alle verwundert ansahen, „ZUM GEBURTSTAAAAAG VIIIEL GLÜÜÜCK!“

Der dicke Mann begann zu applaudieren und rief immer wieder „BRAVO! BRAVO“, auch wenn es sich dank seiner ewig verstopften Nase eher wie „NAVO! NAVO!“ anhörte.
Herr Schmidt wischte sich die Tränen aus den Augen.
„Ich wusste gar nicht, dass ich Geburtstag habe!“
„Nee!“, rief Axel und zeigte auf den großen Mann, der bereits begonnen hatte, den mit Streuseln und Liebesperlen bedeckt Muffin, der jetzt vor ihm stand, in seine Einzelteile zu zerlegen, „Der da hat Geburtstag!“
Ich musste lachen.
Auch Wolfgang schüttelte grinsend den Kopf.
„Wer’s er?“, fragte Herr Schmidt mit hochgezogener Braue.
„Ich bin der Axel“, sagte Axel und streckte ihm seine Hand entgegen.
Herr Schmidt winkte ab.
Dann, als wäre ihm etwas sehr Wichtiges eingefallen, riss er die Augen auf und befühlte seine Hosentasche.
„Hätte ich das gewusst!“, stammelte Herr Schmidt, „Dass ich heute Geburtstag hab! Ich hätte doch ein Geschenk besorgt!“
„Herzlichen Glückwunsch!“, sagte ich.
„Danke Niklas! Danke!“

„So“, rief die rote Schwester, „Herzlichen Glückwunsch, Herr Riemer!“
„Wann kommt denn meine Schwester?“, rief Herr Schmidt.
„Was wollen Sie denn jetzt mit Ihrer Schwester, Herr Schmidt?“
„Na, wenn ich doch heute Geburtstag hab! Meine Schwester kommt immer zu meinem Geburtstag!“
„Herr Schmidt“, seufzte die Schwester, „Der Herr Riemer hat Geburtstag! Sie haben im Juni.“
„Nein!“, rief Herr Schmidt.
„Doch!“
„NEIN!“
„Das wüsste ich aber!“, sagte die Schwester und hob wieder an: „Auf jeden Fall gibt’s heute Nachmittag für alle ein Stück Kuchen. Die Frau Riemer bringt welchen mit!“
„Und meine Schwester kommt auch!“, rief Herr Schmidt.
„Nein, Herr Schmidt. Ihre Schwester wohnt in München. Das ist ganz weit weg.“
Herr Schmidt seufzte und strich sich durch den dichten Bart. Dann zuckte er mit den Schultern und sah mich an.
„Kannste nix machen. Dann kommt meine liebe Schwester eben nicht. Ist ja nur mein Geburtstag.“
Ich sah aus dem Fenster. Es war stockduster. Nur ab und wehten ein paar Schneeflocken gegen das Glas.
„Vielleicht feiertIhre Schwester erst im Juni, weil da das Wetter schöner ist? Ist ja auch weit von München.“
„So wird’s sein“, nickte Herr Schmidt, „Ja, ich glaub so war’s.“

Axel sah mich verwirrt an.
„Was passiert’n jetzt eigentlich?“
Das Schloss der großen Glastür erklang.
„VISITE!“, brüllte die Schwester.

 

 

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