Visite

Die Glastür schwang auf und ein großer Tross, bestehend aus dem Oberarzt, zwei Assistenten und einer Traube AiPler trabte hindurch.

Axel saß längst auf seinem Bett bereit, so als könne er es kaum noch abwarten.
Dominik machte nicht den Anschein, als würde er irgendetwas um sich herum wahrnehmen.
Gerade, als ich mich in mein Bett gehievt hatte, sprang die Tür auf.

„Guten morgen!“, brüllte der Oberarzt.

Er war ein kleiner, drahtiger Mann, der für 7 Uhr bereits viel zu munter wirkte. Hektisch sah er sich um. Seine Haare waren so schneeweiß, wie sein Kittel. Wenn man nur flüchtig hinschaute, dann konnte man den dünnen Haarkranz, den er an den Seiten und am Hinterkopf trug, auch für einen sehr hoch aufgestellten Kragen halten.
„Moin“, sagten die Assistenzärzte.
„Guten Morgen“, murmelten die AiPler.
„Morgen!“, rief die rote Schwester, die sich dem Tross angeschlossen hatte.
„Einen wunderschönen!“, rief Axel und zupfte eine Falte aus seiner Jogginghose.

Der Oberarzt scannte die drei Betten, sah auf mich, sah auf Axel und dann auf Dominik.
„Wie läuft’n das jetzt ab?“, fragte Axel.
Der Oberarzt hob mahnend seine linke Hand und kam auf mich zu.
Er schnippte in Richtung eines Assistenzarztes, der ihm sofort ein Klemmbrett unter die Nase  hielt.
„Hey Feyl, aha“, sagte der Oberarzt.
„Ja“, antwortete ich, „Ich würde gern wissen, was—“
Mahnende Handbewegung, dann Stille.
„Mhm, mhm“, machte der Oberarzt, während er ab und aufsah und mich über den Rand seiner Brille musterte, „Herr Feyl, so so.“
„Wenn Sie fertig sind, dann wüsste ich gern—“
„Herr Feyl ist sehr wissbegierig“, sagte die rote Schwester.
„Ja ja“, sagte der Oberarzt und wischte mit der Hand durch die Luft.
Einer der AiPler machte sich Notizen und ich fragte mich, was er wohl aufschrieb, wenn ganz offensichtlich nichts gesagt wurde.
Hatten sie so eine Art Krankengeschichte vor sich? Hypothesen? Weitere Verfahrensweisen? Hatte Miss Thüringen eine Einschätzung abgegeben?
„Was sind das eigentlich für Table—“
Der Oberarzt zeigte auf eine Stelle auf dem Klemmbrett und hielt es seinen Assistenzärzten hin, die eifrig „Mhm, mhm“ machten.
Nach weiteren zwei Minuten schweigen und lesen sah er auf.
„Na das sieht doch gut aus, Herr“, er sah auf das Klemmbrett, „Feyl.“

„Guten Morgen“, sagte der Oberarzt, nachdem er sich Axel zugewandt hatte.
„Morgen Chef“, sagte Axel.
„Sie kenne ich noch gar nicht.“
„Ich bin auch noch ganz frisch!“
„So so!“, sagte der Oberarzt und Axel begann, mal wieder die Geschichte seines gescheiterten Samstagsausflugs zu erzählen.

Was sollte das denn gewesen sein?
Ich sah die rote Schwester an und schüttelte schulterzuckend den Kopf.
Sie nickte mir freundlich zu und schaute dann wieder auf Axel.
„Ääh, Entschuldigung!“, rief ich, aber die Ärzte beachteten mich gar nicht.
„Entschuldigung“, rief ich nochmal.
Die Schwester sah mich mit zusammengezogenen Augenbrauen an, Axel redete einfach weiter.
„Entschuldigung!“, brüllte ich.
Axel verstummte und der Oberarzt drehte sich zu mir: „Ja?“

„Ich hätte da ein paar Fragen.“
„Fragen? Normalerweise haben wir die.“
„Herr Feyl!“, klinkte sich die rote Schwestern ein.
Der Oberarzt hob wieder die Hand und bedeutete mir dann mit einem Wink, dass ich weiterreden sollte.
„Ich möchte nur endlich mal wissen, wann ich hier rauskann!“
Der Oberarzt sah mich mit großen Augen an.
„Wann möchten Sie denn raus?“
„Weiß nicht“, sagte ich, „Jetzt?“
„So schnell geht das nicht. Sie sind ja jetzt erst einmal hier.“
„Das seh ich“, sagte ich, „Aber ich hab doch auch Schule!“
Er deutete auf das Klemmbrett
„Wenn ich das hier richtig lese, dann scheint Ihnen die Schule vor zwei Wochen noch nicht so wichtig gewesen zu sein.“
Die rote Schwester verzog das Gesicht.
„Da bin ich ja auch davon ausgegangen, dass ich danach dort nicht mehr hin muss.“
Die blauen Flecken an den Beinen, wo mich das Auto gerammt hatte, waren fast verschwunden.
Der Oberarzt atmete tief ein und ließ ein paar Sekunden verstreichen, ehe er wieder anhob.
„Herr—“
„Feyl“, sagte einer der Assistenzärzte.
„Sie sind jetzt hier seit—“
„Zwei Wochen“
„Zwei Wochen, ja. Wir können Sie nach zwei Wochen nicht einfach so gehen lassen. Sie haben sich hier in unsere Obhut begeben—“
„Nein.“
„Wie nein?“
„Habe ich nicht. Ich wurde einfach hier hergebracht.“
„Zeigen Sie mal“, rief der Oberarzt und orderte das Klemmbrett.
Er blätterte ein paarmal hin und her, machte manchmal, „mhm, mhm“ und sah mich wieder an.
„Verstehe. Trotzdem. Sie—“
Ich verzog die Augenbrauen.
„Oder eben Ihre Eltern, ist ja auch egal, haben sich oder Sie in unsere Hände begeben. Und wir entscheiden, wann wir es verantworten können, sie wieder auf eigenen Beinen stehen zu lassen.“
„Und das ist wann?“
„Noch nicht jetzt.“

Na prima, dachte ich. Das hatte ja sehr viel gebracht.
Der Oberarzt wandte sich wieder Axel zu, der sofort weiterplapperte.
Wieso verstand hier einfach niemand, dass ich einfach wissen wollte, was hier vor sich ging? Nur, weil ich hier war, verwirkte ich doch nicht mein Recht, über mich selbst bestimmen zu können. Obwohl, irgendwie schon anscheinend.

„Entschuldigung“, rief ich nochmal.
Der Oberarzt drehte sich wieder um: „Was ist denn noch?“
„Ich habe noch eine Frage.“
„Bitte!“
„Was kam beim MRT heraus?“
Er blickte aufs Klemmbrett.
„Nichts, alles gut.“
„Schizophrenie?“
„Nein.“
Ich verdrehte die Augen.
„Und wieso sagt mir das niemand?“
„Sie wissen es ja jetzt.“
„Ja, weil ich gefragt habe.“, rief ich, „Wenn ich nicht gefragt hätte, hätte ich es dann erfahren?“
„Wahrscheinlich nicht.“
Er drehte sich um.
„Und!“
Er seufzte.
„Ja?“
„Was sind das für Tabletten, die ich bekomme?“
„Trevilor, Zyprexa, Paroxetin.“
Der Oberarzt sah mich lange an.
„Zufrieden?“
„Es geht so.“
„Na dann!“

Axel wollte etwas sagen, aber der Oberarzt wimmelte ihn mit einer Handbewegung ab.
„Herr Sachs!“, rief er, als er direkt vor Dominik stand, „Herr Sachs?“
Dominik reagierte nicht. Wie es aussah, bekam er nicht einmal mit, dass der Tross vor seinem Bett stand und ihn anstarrte.
„Herr Sachs! Wie sieht’s aus? Haben Sie über unseren Vorschlag nachgedacht?“
Dominik grinste.
„Schwester? Wann genau ist der Termin beim Sozialamt?“

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