Gong

Während die Visite durch alle Räume der Station zog, saß ich im Aufenthaltsraum.
Ich hatte mir im Schwesternzimmer ein kleines Heft und einen Kugelschreiber geben lassen.
Eine ganze Weile versuchte ich, mich zu konzentrieren. Ich wollte unbedingt alles aufschreiben, was hier passierte, aber immer nach ein paar Sekunden drifteten meine Gedanken ab. Es war so mühselig. Und noch schwerer war es, sich an etwas zu erinnern. Die Tage waren zu einem einzigen Brei verkommen. Alles in meinem Kopf schien zu sagen: Es ist okay, ruh dich aus, du musst nichts machen.
Aber ich wollte ja. Das war das Problem.

Ich war gerade dabei, eine Skizze der Station zu zeichnen, als die Tür des Aufenthaltsraums aufsprang.
Ich sah zur Tür, aus der mich eine kleine Frau mit kurzen blonden Haaren und einem spitzen Gesicht angrinste. Sie trug eine weiße Hose, dazu ein rotes T-Shirts. Sie war vielleicht 50.
„Ah! Sehr gut!“, quietschte sie und begann, wie wild alle Tische und Stühle an die Wand zu schieben, „Sie können mir gleich helfen!“
„Wobei denn?“
Sie tippelte zur Tür und warf mir lauter zusammengerollte Isomatten zu.
„Hier, die können sie mal alle aufrollen. Eine schöne, große Fläche brauchen wir. Kriegen sie das hin?“
„Ich denke schon.“
Sie kam auf mich zu.
„Zorn“, sagte sie.
„Nein, alles gut.“
„Nein, ich heiße Zorn.“
„Niklas“, sagte ich und schüttelte ihre Hand.

Weiter hinten sah ich eine kleine Menschentraube, die an der Glastür wartete. Einer der großen Pfleger schloss auf und herein trabten Herr Schwarz, der große Student, das Mädchen und einige andere aus der Gesprächstherapie.
Vorsichtig betraten sie den Aufenthaltsraum. Sie alle sahen sich mit großen Augen um. Mich sahen sie mit noch größeren Augen an. Herr Schwarz nickte mir freundlich zu, ich nickte zurück.
Ein Zucken durchfuhr die Neuankömmlinge, als die Glastür ins Schloss knallte und das Ratschen des sich drehenden Schlüssels erklang.
„Keine Angst“, sagte Frau Zorn, „Sie kommen nach der Sitzung alle wieder raus.“
Ich sah sie an.
„Na ja. Keine Angst, jedenfalls.“
„Was wird das?“, fragte ich.
„Autogenes Training ist immer zweimal die Woche. Einmal hier und“, sie zeigte durch die Glastür, „Einmal drüben im Sportraum. Steht doch alles auf ihrem Plan, Herr Feyl.“
„Woher kennen Sie denn meinen Namen?“
Sie zeigte wieder durch die Glastür, diesmal aber zum Besprechungsraum der Ärzte, „Sie machen ganz schön die Runde.“
„Die Runde?“, fragte ich, aber Frau Zorn war längst auf den Gang geflitzt und begann zu brüllen:
„AUTOGENES TRAINING! AUTOGENES TRAINING IM AUFENTHALTSRAUM!“

Überall öffneten sich Türen und lauter Patientinnen und Patienten kamen nach vorn geschlürft.
Der dicke Mann kam in Strumpfhose und Wollpullover. Axel und Dominik grinsten um die Wette.
Herr Riemer trug ein weißes Hemd und eine dunkle Bundfaltenhose.
Wolfgangs Raverhose raschelte bei jedem Schritt.
Selbst Maria kam. Und hinter ihr Herr Schmidt.

„Die Scheiße schon wieder hier?“, fragte er, als er bei mir angekommen.
„Ich weiß nicht“, sagte ich, „Mein erstes Mal.“
„Ja ja, scheiße“, er strich mir über den Kopf. Seine Hand war rau und ausgetrocknet, „Bist ein guter, Niklas, bist ein Guter.“
Frau Zorn stand zwei Meter abseits und strich auf einem Klemmbrett alle Teilnehmer ab.
„Herr Schmidt? Wollen sie heute mal mitmachen?“
„Ich hab heute Geburtstag.“
„Nein, Herr Schmidt, der Herr Riemer hat Geburtstag. Herzlichen Glückwunsch übrigens, Herr Riemer!“, rief Frau Zorn und schüttelte dem völlig überforderten Herrn Riemer fröhlich die Hand.
Herr Schmidt schnaufte.
„Na los, Herr Schmidt, Autogenes Training! Das fetzt!“, rief Frau Zorn.
„Nee nee, macht mal eure Scheiße alleine hier!“, rief Herr Schmidt und stapfte davon, wobei ihm die Jogginghose in die Kniekehle rutschte.
Ich musste grinsen.

Aus dem Kassettenrekorder in der Ecke des Raumes kam in regelmäßigen ein Gong, dazwischen brandeten Wellen an einen Strand oder eine Felswand.
„Du liegst bequem an einem warmen Ort“, rezitierte Frau Zorn mit übertrieben sanfter Stimme.
Links neben mir begann irgendwo jemand zu schnarchen.
„Herr Hartwig! Nicht schlafen!“
„Was?“, murmelte Axel.
„Nicht schlafen! Entspannen!“, sagte Frau Zorn.
„Sie dürfen ruhig Axel zu mir sagen.“
„Pscht!“
Der Gong.  Die Wellen.
„Deine Beine sind gerade und liegen hüftbreit auseinander.“
Ich öffnete die Augen und hob meinen Kopf.
Meine Beine lagen direkt nebeneinander.
„Herr Feyl! Augen zu und hinlegen!“
Gong.
„Du bist vollkommen ruhig, gelassen und entspannt.“
Ich öffnete meine Augen nur ein ganz kleines bisschen und versuchte, mich ein wenig umzusehen.

Links von mir lag Dominik. Auch mit offenen Augen sah er so aus, als würde er nichts um sich herum mitbekommen.
Wenn ich alles richtig verstanden hatte, dann sollte er in den nächsten Wochen entlassen werden.
So richtig entlassen. Mit eigener Wohnung, Termin beim Arbeitsamt und so weiter.
Dominik war vielleicht Mitte zwanzig, sah vollkommen normal aus, tat aber den ganzen lang nichts Anderes, als über Dinge zu lachen, die niemand außer ihm sehen konnte.
Wahrscheinlich war es nur eine Frage der Zeit, bis sie auch Dominik wieder herbringen würden. Vielleicht eine lästige Formsache für die Krankenkasse.

Gong.
„Konzentriere dich nur auf deine Atmung.“
Ich versuchte, mich auf meine Atmung zu konzentrieren, aber wie schon bei meinen Dokumentationsversuchen ging auch das schief. Und es machte mir nicht einmal etwas aus. Was mir etwas ausmachte war, dass es mir nichts ausmachte.
Waren das die Tabletten, die ich bekam? Wie lang wirkten sie? Am Vorabend hatte ich die Tabletten genommen, weil einfach zu wenig Trubel gewesen war. Nach der Visite hatte es niemand bemerkt. In meinem kleinen Kulturbeutel lagen jetzt sechs.

Gong.
„Dein Körper ist vollkommen entspannt“, sagte Frau Zorn.
Ich hasste diese Ungewissheit. Nicht zu wissen, wie lang das alles gehen sollte und wohin das alles führte. Stattdessen nur Nichtstun und Abwarten. Ich hatte schon immer genau Bescheid wissen müssen, was mit mir und um mich herum geschah. Alles andere machte mich nur unruhig. Ruhig war ich erst, wenn ich Bescheid wusste. Ich konnte nicht einfach auf gut Glück und Geheiß Dieses oder Jenes machen. Ich musste wissen, warum ich es tun sollte. Wirklich ausgeschaltet war mein Kopf eigentlich nur um Schlaf und, ich drehte mich nach rechts.
„Wolfang“, sagte ich leise, „Wolfgang!“
„Nicht sprechen!“, rief Frau Zorn.
„Wolfgang!“, flüsterte ich, „Ich hab etwas zum Tauschen!“‚
Wolfgang atmete tief ein. Seine Raverhose knisterte wegen der elektrischen Aufladung.
Gong. Wellenrauschen.
Dann drehte er seinen Kopf zu mir und zwinkerte mir zu.

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