Bravo

„Schlecht drauf?“, fragte Miss Thüringen.
„Ist das ein Fachbegriff?“, fragte ich zurück.
Sie grinste.
Wir schwiegen.
„Ich finde das übrigens gut“, sagte sie nach einer Weile.
„Was denn?“
„Dass Sie das interessiert.“
„Was interessiert mich denn?“
„Na, bei der Visite zum Beispiel.“
„Ach so“, sagte ich.

„Sie können mich ruhig auch fragen, wenn Sie etwas wissen wollen“, sagte sie.
Ich schob meinen Stuhl ein wenig zurück, damit ich mich besser anlehnen konnte.
„Na?“
Draußen auf dem Gang konnte das Gewusel des Kaffeetrinkens hören. Ob Frau Rieger auch die offene Station mit Kuchen versorgt hatte?
Ich hatte Hunger. Unbändigen Hunger. Schon seit Tagen hatte ich das Gefühl, eigentlich immer essen zu können.
Und ausgerechnet heute hatte mich Miss Thüringen genau dann abholen müssen, als gerade die großen Kuchenbleche gebracht worden waren.

„Ich hab eine Frage“, sagte ich.
„Prima!“, Miss Thüringen hielt ihren Kugelschreiber bereit.
„Glauben Sie wirklich, dass Dominik das schaffen kann?“, ich nickte in Richtung Fenster, „Also“, umständliche Gänsefüßchen, „draußen?“
„Hm“, sagte sie und überlegte eine Weile.
„Ja?“
„Dominik ist nicht mein Patient.“
„Na vielen Dank auch!“, sagte ich und lehnte mich noch ein Stück weiter zurück.
Wieder Stille.

„Wissen Sie“, sagte sie nach einer Weile, „Dominiks Probleme sind ein wenig mehr“, sie überlegte, „körperlich, verstehen Sie?“
„Soll heißen, bei ihm kam beim MRT etwas heraus?“
Sie nickte.
„Aber gerade dann“, rief ich, „Sie sehen doch, dass er den ganzen Tag ganz woanders ist!“
„Ja“, sagte Miss Thüringen, „Aber—“
„Der ist doch der Allererste, der krachen geht!“, rief ich, „Wie soll denn so etwas funktionieren?“
„Herr Feyl“, sagte sie.
„Ja?“
„Es gibt da Mittel und Wege. Dominik ist schon ganz schön lange hier.“
„Und das ist ein Grund?“, rief ich, „Ich gebe ja sogar zu, dass es Leute gibt, für die das hier nicht das Allerschlechteste ist!“

„Wie fanden Sie denn die Gesprächstherapie?“, fragte Miss Thüringen.
Ich holte tief Luft.
„Ich glaube nicht, dass mir das hilft.“
Sie hielt einen Moment inne.
„Manchmal hilft es einem, wenn man sieht, dass es Anderen ähnlich geht.“
„Ich glaube nicht, dass es mir ähnlich geht wie—“
„Herrn Schwarz?“
„Zum Beispiel.“

Miss Thüringen schrieb irgendetwas.
Und es machte mich wahnsinnig, nicht zu wissen, was es war.
Eine ganze Weile lang sah sie nicht von ihrem Blatt auf, sondern schrieb seelenruhig vor sich hin.

„Ich bin gern alleine“, sagte ich, als ich es nicht mehr aushielt.
„Mhm“, machte sie.
„Mir macht es nichts aus, alleine zu sein. Im Gegenteil, ich brauche das sogar.“
„Mhm mhm“, sie sah auf, so als ob sie gerade ein Formular ausfüllte, „Wie viele Freunde haben Sie?“
„Genug“, sagte ich.
Sie nickte, schrieb etwas, strich etwas anderes durch.
„Einigen wir uns auf ‚ein paar‘?“
„Zwei“, sagte ich, während sie wieder etwas durchstrich.
„Und früher?“
„Mehr. Aber lieber Ältere.“
„Lieber mit Älteren gespielt“, nickte sie und hakte etwas ab.
„Was wird das?“, fragte ich, „Ist das ein Test aus der Bravo?“
„Cosmopolitain“, sagte sie trocken, „Sie sind der Herbsttyp.“
Ich musste grinsen.
Sie auch.

„Sie langweilen sich, stimmt’s?“
Ich nickte, „Schrecklich.“
Ich überflog ihren Bücherschrank.

„Möchten Sie eins?“
„Das kenn ich“, sagte ich und zeigte auf Die Psychopathologie des Alltagslebens von Freud.
„Kennen Sie oder haben Sie gelesen?“, fragte Miss Thüringen.
Warum puderst dich mich schon wieder mit deiner Quaste?, Freudsche Versprecher und so“, sagte ich.
Miss Thüringen wurde ein bisschen rot.
„In der Schule?“, fragte sie.
„Zu Hause“, sagte ich.
Sie notierte etwas.

„Ich hab eine Idee“, sagte sie, als sie fertig geschrieben hatte.
Dann stand sie auf, ging zu ihrem Schreibtisch und setzte sich. Sie zog eine Schublade auf und legte drei Bücher vor sich.
MoodswingVerdammte schöne WeltWenn die Musik verstummt„, las ich vor.
„Das interessiert Sie doch, oder?“
„Denke schon“, sagte ich.
„Na gut“, sagte sie, „Dann schaue ich mal, was ich gegen Langeweile machen kann.“
„Eine Bravo würde helfen“, sagte ich.

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