Kuchen

Die ganze Mittagsruhe über verbrachte ich lesend im Aufenthaltsraum.
Axel schnarchte so laut, dass ich sein Grunzen selbst durch die Wand noch deutlich hören konnte.
Hin und wieder hastete ein Pfleger oder eine Schwester vorbei, beinahe minütlich ging die große Glastür.
Dazwischen hörte man fast gar nichts. Ab und an hustete jemand im Raucherraum, manchmal lachte jemand im Schwesternzimmer.
Obwohl mein Englisch maximal Abiniveau hatte, kam ich gut mit dem Moodswing-Buch voran.
Vielleicht hatte Miss Thüringen doch ein wenig Recht, dachte ich. Vielleicht hatte man hier ja wirklich ein bisschen Ruhe.

Mehr noch, es kam mir so vor, als würde die Zeit immer in der richtigen Geschwindigkeit vergehen.
Wenn jemand ausflippte, mit dem Plastikbesteck warf und gegen die Tische trat, dann ging alles ganz schnell. Es gab ein bisschen Geschrei, von überall kamen die Pfleger und schon war es wieder ruhig. Man ging in den Raucherraum, rekapitulierte und fertig.
Und wenn man um Punkt 15 Uhr im Aufenthaltsraum saß, das Plärren der Fernsehers in den Hintergrund trat und Clara reihum ging, um in aller Seelenruhe Süßstoffplättchen in die Kaffeetassen zu klicken, dann hatte man das Gefühl, die Zeit würde vollends stillstehen.

Ich wusste nicht genau wieso, aber ich glaubte, dass das Kaffeetrinken für die Meisten auf Station der angenehmste Teil des Tages war. Die großen Dramen konzentrierten sich fast immer auf den Morgen oder die Zeit vorm Abendessen, die jeder noch einmal auf dem Zimmer verbrachte und die dabei genug Gelegenheit bot, noch einmal die Welt über sich selbst zusammenbrechen zu sehen.
Oder zumindest, wenn man sich auf den Anteil der dicken Bäuche und Doppelkinne beschränkte, bekam man eine leichte Ahnung davon, warum niemand die zusätzliche Mahlzeit auszulassen schien.
Auch unter meinem T-Shirt hatte längst ein Bauchansatz zu wachsen begonnen, was kein Wunder war bei vier Runden Essen pro Tag, dessen übrige Stunden man entweder im Sitzen oder gar gleich im eigenen Bett verbrachte. Nicht ein einziges Mal hatte ich jemanden auf dem Heimtrainer gesehen, der vereinsamt im langen Gang stand.

Niemand sagte ein Wort.
Alle paar Meter standen Teller mit riesigen Haufen Toastbrot auf dem langen Tisch. Auf der Anrichte standen drei massive Kanister mit heißem Tee und Kaffee. Daneben eine große Schale mit Marmeladendöschen, die Herr Schmidt wie immer auf wundersame Weise von all den guten Sorten befreit hatte, sodass nur noch Stachelbeere übrig war.

„Na Niklas“, sagte Herr Schmidt zu mir, „Schmeckt’s?“
„Es geht so“, sagte ich.
Ich hätte es nicht für möglich gehalten, aber man gewöhnte sich tatsächlich auch an Stachelbeergeschmack.
Herr Schmidt griff in seine Tasche und hielt mir unter dem Tisch etwas entgegen.
„Aber schön heimlich schmieren!“, flüsterte er und grinste, als ich nach dem Döschen Erdbeermarmelade griff.

Marias Armbinden schimmerten noch immer rötlich. Ich fragte mich oft, ob es weh tat. Sogar Clara hatte ich einmal gefragt.
Herr Brinkmann saß still auf seinem Stuhl und hielt sich an seinem Kaffee fest. Wolfgang schaute ihn finster an.
„Geht’s?“, fragte Clara den dicken Mann, während sie ihm Süßstoff in die Tasse gab.
Er hatte seine Augen geschlossen, holte tief Luft und nickte. Dann schob er sich den vierten Stachelbeertoast in den Mund.

„Und wie versprochen“, rief die rote Schwester vom Gang aus, „Hat die liebe Frau Riemer zur Feier des Tages noch etwas vorbeigebracht!“
Ein Pfleger schob einen Wagen herein, auf dem ein riesiger Haufen Blechkuchen lag.
Axel klatschte in die Hände.
Ein leises Raunen ging durch den Raum und Herr Riemer selbst bekam das erste Stück, das er sofort in seine Einzelteile zu zerlegen begann.

Frau Riemer hatte genug Kuchen gebacken, um die halbe Klinik zu versorgen. Ich dachte daran, wie sie die ganze Nacht in der Küche gestanden haben musste, nur um ihrem Mann eine Freude zu machen und sich ein wenig von dem Gedanken abzulenken, wo er sich gerade befand.  Ich dachte selten daran, wie es „dort draußen“ wirken musste, „hier drinnen“ zu sein. Und ich dachte an meine Eltern. Keine Ahnung, wie sie ihre Zeit herum brachten. Ob mein Vater es schaffte, arbeiten zu gehen?

„Dann sagen Sie Ihrer Frau bitte nochmals schönen Dank, Herr Riemer“, sagte die rote Schwester und nahm sich selbst ein Stück Kuchen.
Es war sogar noch ruhiger geworden als vorher. Nicht einmal Herr Schmidt sagte etwas.
„Geht’s, Herr Wolle?“, fragte Clara noch einmal.
Mühsam kaute der dicke Herr Wolle auf einem Stück Kuchen, während ihm die Tränen aus den geschlossenen Augen liefen.
Herr Schmidt sah mich an und ich zuckte mit den Schultern. Dann griff er in seine Tasche und schob Herrn Wolle ein Döschen Erdbeermarmelade zu.
„Herr Wolle“, sagte die rote Schwester, „Warum sagen Sie denn nichts, wenn Sie’s nicht mehr aushalten.“
Herr Wolle schluchzte und schob sich ein weiteres Stück Kuchen zwischen die zusammengepressten Lippen.
„Ach, Herr Wolle“, versuchte Clara auf ihn einzureden.
„Das kann man ja nicht mit ansehen“, sagte die rote Schwester, „Sie haben doch Schmerzen, das seh ich doch!“

Der dicke Mann begann zu zucken. Er kniff seine Augen zusammen, sah auf seinen Teller und ein elendes Stöhnen kam aus seinem Mund. Dann ließ er einen Klumpen Kuchen vor sich auf den Teller fallen. Er war blutrot und voller dicker, weißer Schlieren.
„Bah, was geht denn?“, rief Wolfgang, „Nehmt den mal bitte weg hier!“
Herr Wolle ließ den Kopf hängen und weinte, alle am Tisch schwiegen. Er griff erneut nach einem Stück Kuchen, aber Clara nahm es ihm aus der Hand.
„Herr Wolle“, sagte die rote Schwester, „Wir gehen zum Arzt. Jetzt.“
Sie schüttelte den Kopf.
Clara hatte ihre Hände auf die Schultern des dicken Mannes gelegt.
„Ich schau mir das nicht mehr an“, sagte die rote Schwester und verschwand mit dem Plastikteller.

Und mit einem Mal kamen vier Pfleger, hakten sich jeweils zu zweit bei Herrn Wolle ein und stemmten ihn nach oben. Er schnaufte und Blut und Eiter tropfte auf seinen Wollpullover. Die beiden Pfleger, die direkt an seiner Seite standen, verzogen das Gesicht.
Nicht einmal dreißig Sekunden später fiel die Glastür ins Schloss.
Wieder sprach niemand.

„Noch jemand Süßstoff?“, fragte Clara nach ein paar Sekunden.
„Nee, lass mal“, sagte Wolfgang, Axel griff nach einem Stück Kuchen.
„Herr Feyl?“, fragte Clara.
„Nee“, sagte ich.
Herr Schmidt langte quer über den Tisch, erwischte das Döschen Erdbeermarmelade und ließ es in seiner Tasche verschwinden.

 

 

 

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Ein Gedanke zu “Kuchen

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